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Vom Waisenhaus ausgehend wuchsen in östlicher Richtung zwischen 1701 und 1748 auf längsrechteckigem Grundriss die beeindruckenden Fachwerk- und Steinbauten der barocken Schulstadt Franckes in die Höhe. Zwischen dem Waisenhaus im Westen und dem Königlichem Pädagogium im Osten setzten die heute vollständig erhaltenen Bauten Standards in der Geschichte der Bildungsarchitektur, darunter das Lange Haus als größter Fachwerkwohnhausbau Europas, der älteste erhaltene profane Bibliotheksbau Deutschlands und die erste Bibelanstalt der Welt. Repräsentation und Funktionalität wurden so geschickt verbunden, dass ohne größere Umbaumaßnahmen Schulräume zu Wohnräumen, Labore zu Wirtschafts- oder Archivräumen werden konnten. Der repräsentative Anspruch zeigt sich besonders am Langen Haus, das in drei kurzen Bauphasen errichtet wurde. Die einzelnen Gebäudeteile verschmelzen dank der gleichmäßig konstruierten Rasterfassade zu einem imposanten Baukörper, der entlang der Stadtmauer errichtet wurde und bei Einwohnern, Universitätsangehörigen und Gästen große Aufmerksamkeit erregte.

1990 lebten trotz des desaströsen Zustandes der Gebäude Familien mit ihren Kindern in den Gebäuden.

»1982 kam mein Sohn in den Stiftungen im Haus 21 in die Schule. Dort saßen die Kinder in der 1. Etage bei Regenwetter gemeinsam mit Eimern in ihrer Klasse! Und: Die Liebe meines Lebens habe ich hier, in Haus 8, entdeckt.« Christel Riemann-Hanewinckel

Für die Heranwachsenden war das vernachlässigte Stiftungsgelände ein aufregender Spielplatz. 

»Die Böden der heruntergekommenen Fachwerk-Langhäuser waren Abenteuer pur. Ein Ritt auf dem Rücken des ausgelagerten Krokodils der Naturaliensammlung ließ uns nach einem Knacken angstvoll davonstoben.« Hans-Dieter Wöllenweber

1982 kam mein Sohn in den Stiftungen im Haus 21 in die Schule. Dort saßen die Kinder in der 1. Etage bei Regenwetter gemeinsam mit Eimern in ihrer Klasse! Und: Die Liebe meines Lebens habe ich hier, in Haus 8, entdeckt.

Christel Riemann-Hanewinckel

Das Lange Haus  ist in Bezug auf die Fachwerkarchitektur das ungewöhnlichste Gebäude. Errichtet wurde es in drei Bauphasen, die sich nicht an dem Gesamtkorpus ablesen lassen. So entsteht der Eindruck, vor einem großen Gebäude zu stehen, das ca. 115m lang und dessen Giebel knapp 26m hoch ist. Diese überzeugende Illusion wird durch die gleichmäßig verteilten Ständer, die durchgehenden Fensterbänder und die einheitlich schmucklosen Balkenköpfe erweckt.

Im Schulkosmos Franckes fanden hier in den Gebäudeteilen 8–9 (errichtet 1714–1715) im Untercollegium Studenten der Theologie eine Unterkunft. Viele von ihnen  begleiteten ihr Studium mit einer Lehrtätigkeit als Informator an den Schulen Franckes. Sie erhielten dafür freie Verpflegung und Logis. In den Gebäudeteilen 10–11 entstanden 1713–1714 Lehr- und Wohnräume für die bürgerlichen Schüler der Lateinischen Hauptschule. Kinder aus Halle und auswärtige Schüler lebten hier unter Aufsicht ihrer studentischen Informatoren.  In den Gebäudeteilen 12–13, errichtet 1715–1716, war das Obercollegium für Studenten in der Lehrerausbildung untergebracht. August Hermann Francke gründete hier das erste Lehrerbildungsseminar in Deutschland.

Damals wie heute waren ganze Bildungs- und Arbeitsbiographien mit den Stiftungen verbunden.

 

»Mein Leben ist seit 1961 bis heute auf vielfältige Weise mit den Franckeschen Stiftungen verbunden – als Lehrerstudent habe ich 1962 im Dachgeschoss des Pädagogiums und als Assistent 1966/67 im Haus 22 gewohnt, meine pädagogisch-psychologische Ausbildung erhielt ich in den Häusern 1, 5, 22 und 23, Fußball habe ich im heutigen Freylinghausen-Saal gespielt, meine Arbeitsräume waren im Haus 22 und im Haus 3, unendliche Stunden habe ich in der Bibliothek des Instituts für Pädagogik im Haus 1 verbracht. Die Hauptbibliothek mit Fräulein Mühl als unverzichtbarer Hilfe bei der Suche im handschriftlichen Katalog und das Archiv waren wichtige Arbeitsorte. So hat sich eine innige Beziehung zu den Franckeschen Stiftungen entwickelt, die seit der Rekonstruktion nach dem Ende der DDR noch enger geworden ist.« Berthold Ebert

Es muss nicht sein, dass ständig irgendwelche Schutthaufen im Lindenhof monatelang herumliegen, dass Mülltonnen unordentlich herumstehen, Abfallkisten mit Küchenabfällen im Sommer bis zum Himmel stinken, Fensterscheiben im Festsaal (jetzt Turnsaal) seit Jahren zerschlagen sind oder – wie in Haus 7, Rückfront – einfach mit Stroh zugestopft werden wie bei einem alten Kuhstall.

Jürgen Storz

»Die Böden der heruntergekommenen Fachwerk-Langhäuser waren Abenteuer pur. Ein Ritt auf dem Rücken des ausgelagerten Krokodils der Naturaliensammlung ließ uns nach einem Knacken angstvoll davonstoben.« Hans-Dieter Wöllenweber

»Bei der Rückkehr vom Wochenendbesuch bei meinen Eltern hatte ich in meinem Rucksack statt sauberer Wäsche Holzscheite zum Anheizen des Kachelofens in meinem Konviktszimmer. Durch die persönliche und überschaubare Atmosphäre im Konvikt und in den Franckeschen Stiftungen gelang mir der Wechsel aus meinem altmärkischen Dorf in die Großstadt problemlos. Im Sommer nutzten wir Studierende den Lindenhof wie ein Wohnzimmer. So mancher Tourist zückte deshalb seine (analoge) Kamera.« Ilka Reckmann

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