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Das barocke Gebäudeensemble der Stiftungen ist historisch einzigartig und baulich imposant. Eine Freiluftausstellung führte an den zentralen Sichtachsen des Lindenhofs und den historischen Gebäude vor Augen, mit welcher Kraft sich die Stiftungen in den letzten 30 Jahren entwickeln konnten. Sie können dabei sein, wenn wir die Erinnerungen an eine Zeit wecken, in der Manche zweifelten, ob ein Wiederaufbau machbar ist und in der Viele den Mut hatten, anzupacken.

Im Jahr 1702 zog August Hermann Francke in das ehemalige Gasthaus zur Goldenen Rose, um den Aufbau seines sozialen und pädagogischen Reformwerks in enger räumlicher Anbindung an das Waisenhaus zu leiten. In der unmittelbaren Nachbarschaft zum herrschaftlich wirkenden Waisenhaus nimmt sich das Wohnhaus August Hermann Franckes vergleichsweise bescheiden aus. Das kann auch als Programmansage Franckes gewertet werden, der sein Privatleben gegenüber seinem großen Reformwerk immer in den Hintergrund gestellt hat. Dennoch ist es ein herausragender Ort, weil er sich so eng mit der Stifterpersönlichkeit verbindet.

 

Das Wohnhaus August Hermann Franckes ist Teil der historischen Bebauung des südlichen Franckeplatzes, der ältesten erhaltenen Bausubstanz des Stadtteils Glaucha. Im 18. Jahrhundert prägte die Handelsstraße nach Süddeutschland den gleichnamigen Vorort von Halle. Eine Situation, die August Hermann Francke im ausgehenden 17. Jahrhundert dazu bewegte, sein weltweit ausstrahlendes pädagogisches und soziales Werk in Glaucha zu begründen. Das Francke-Wohnhaus ist das erste Gebäude dieses Bauensembles, welches jetzt 2008 nach der Sanierung der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden konnte. Heute sind hier mit dem Infozentrum der zentrale Empfangsbereich für die Besucher und eine Ausstellung zum Leben und Wirken Franckes untergebracht. Im Dachgeschoss lädt der Stiftungspfarrer in die Bibelmansarde ein.

»Im Francke-Wohnhaus – beim Bombenangriff am 31. 3. 1945 schwer beschädigt und danach notdürftig zum Wohnen wieder hergerichtet – wurde ich geboren. Ich war eines der zahlreichen ›Stiftungskinder‹ und lebte hier bis 1975. Die besondere Atmosphäre von Eintracht, gegenseitiger Unterstützung und Anteilnahme der alten und jungen Stiftungsbewohner hat mich nachhaltig geprägt. Noch heute bedeuten die Stiftungen mir Heimat.«

Elke Wiegand

»Am Ende der Häuserzeile war das etwas windschiefe, teilweise verbretterte Mägdeleinhaus (Haus 25) ein besonders drastisches Beispiel für den Verfall in den Stiftungen. Es hieß, dass es seit 1969 zum Abbruch bestimmt gewesen sei. Es war von Familien bewohnt, die dort, wie auch an vielen anderen Orten auf dem Gelände, unter sehr einfachen Verhältnissen leben mussten. Da es keine Heizung gab, sondern mehr als 120 Feuerstellen, war die Luftverschmutzung durch die Stiftungen enorm. Für die Ofenheizung mussten Kohlen angeliefert werden, die, wie es in der DDR üblich war, vor die Keller gekippt wurden. Der Kohlengrus - Briketts gab es selten - verursachte eine weitere unvermeidbare Verschmutzung, was den verwahrlosten Eindruck der Häuserzeile noch verstärkte.« Paul Raabe: In Franckes Fußstapfen. Aufbaujahre in Halle an der Saale. Hamburg 2002, S. 38

Der Wirtschaftsbereich

Im Süden des Geländes der historischen Schulstadt lag der Wirschaftsbereich mit den Lagerhäusern, Waschhäusern und einer kleinen landwirtschaftlichen Anlage. 2021 konnten als letzte Gebäude des historischen Ensembles die große Feldscheune, die kleine Scheune und das Druckereigebäude saniert werden. 

Video Poster

Die Rettung des Druckereigebäudes.

Wer würde mitten in einer Großstadt eine große Feldscheune und dazu noch aus dem frühen 18. Jahrhundert erwarten? Diese Doppelquertenne von 1724 ist in Fachwerkbauweise errichtet und Teil des ehemaligen Landwirtschaftsbetriebs der Franckeschen Stiftungen. Sie gehört zu den am besten erhaltenen Gebäuden in der historischen Schulstadt. Charakteristisch sind die beiden Durchfahrten mit ihren vier großen Toren je zwei an der Ost und an der Westseite. Dort konnten die mit Heu, Stroh oder Getreide beladenen Ackerwagen vorne hineinfahren, wurden entladen und fuhren hinten wieder raus, je zwei gleichzeitig. Das war hoch effizient und ganz typisch für die praktisch begabten Halleschen Pietisten.
Auch wenn wir das Gebäude für kulturelle Nutzungen und für Bildungszwecke hergerichtet haben, ist der Scheunencharakter  auch im Inneren durchaus erhalten geblieben. Im Erdgeschoss ist das allseits beliebte Spielehaus wieder eingezogen, ein Treffpunkt für junge Leute, aber auch für Familien, die hier internationale Spiele miteinander ausprobieren können.

Das als »Druckereigebäude « bekannte Magazingebäude der ersten Bibelanstalt der Welt in den Franckesche Stiftungen, der Cansteinschen Bibelanstalt (gegr. 1710), spiegelt in seiner zukünftigen Nutzung den Kern der Aufgaben der Franckeschen Stiftungen. Moderne Rollregalanlagen als zusätzliche Magazine für das kulturelle Gedächtnis der Stiftungen, den kulturhistorischen Archiv- und Bibliotheksbeständen, finden sich hier zusammen mit dem LeoLab, einem neuen Raum für kulturelle Bildung und Vermittlung, unter einem Dach.

Ich freue mich jeden Morgen, wenn ich in mein Büro gehe, Teil dieses großen sozialen Inklusionsprojekts aus dem 18. Jahrhundert zu sein, das moderner ist als Vieles, was wir heute deutschlandweit haben

Hortensia Völckers

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